Kampf gegen den Wind in Lissabon


Wenn der Winter hierzulande die Temperaturen noch unter den Gefrierpunkt wandern lässt, zieht es die Läufer Community Mitte März zu ihrem ersten großen Saisonauftakt nach Lissabon. Normalerweise locken dort die ersten warmen Frühlingsstrahlen und nicht umsonst gehört der Halbmarathon in der portugiesischen Hauptstadt zu den größten und sportlich bedeutendsten weltweit. Bereits zum 28. Mal zieht dieses Top-Laufevent mittlerweile 35.000 Teilnehmer, allein zum HM über 9.000 Profi-Athleten und Hobbyläufer, aus der ganzen Welt an. Auch der noch immer bestehende HM-Weltrekord des Eritreers Tadese aus dem Jahr 2010 mit 58:23 Min. (!) wurde auf dem schnellen und flachen Kurs in Lissabon aufgestellt.

Der Start auf der Südseite des Tejo und der anschließende Lauf über die 2,3 Kilometer lange „Brücke des 25. April“ * gehört zu dem herausragenden Feature dieses Laufs. Grundsätzlich ist diese mächtige Hängebrücke für Fußgänger gesperrt. Auf ihrer oberen Etage fahren sechsspurig die Autos, darunter die Eisenbahn. Jeweils im März bekommen LäuferInnen die Gelegenheit, 70 Meter über dem Wasser das Nordufer des Flusses Tejo zu erreichen, um anschließend auf einer langgezogenen Rampe in die Lissabonner Innenstadt einzubiegen.
* Benannt nach dem Datum des Militärputschs (Nelkenrevolution) am 25.04.1974 gegen die autoritäre Diktatur in Portugal

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So war auch dieses Jahr wieder mein Plan. Nach 2015 ein zweites Mal diesen Kult-Halb-Marathon in Angriff zu nehmen und – natürlich – meine damalige Zeit vielleicht sogar zu verbessern. Aber, es kam wetterbedingt alles ganz anders:

Schon vor unserer Abreise wurden im Wetterbericht starke Winde mit bis zu 80 km/h, Regen und Temperaturen um die 4 Grad C. vorhergesagt. Das ließ nichts Gutes erahnen. Auf der Läufermesse am Samstag, beim Abholen der Startunterlagen, wurde die schlechte Nachricht dann ausgehängt, kam auch sofort per Email und enttäuschte mit einem Schlag zehntausende LäuferInnen: „Aufgrund der Wetterbedingungen können die für die Sicherheit zuständigen Verantwortlichen der Brücke des 25. April einen Lauf über die Brücke nicht genehmigen“. „Das ist ja echt uncool“, hörte ich eine enttäuschte deutsche Läuferin neben mir sagen, als sie den Aushang las. Aber das half natürlich nichts. Der Start wurde vom Südufer des Tejo, weg von der Brücke, in den nördlichen Teil von Lissabon verlegt. Der Lauf über die berühmte Brücke war in diesem Jahr also leider nicht möglich.

Der Wettkampftag selbst war dann wie angekündigt kalt und sehr windig. Als wir auf der abgesperrten Stadtautobahn auf den Start warteten, trugen viele zum Warmhalten einen alten Pulli, dessen man sich kurz vor dem Start entledigte. Das hat auch ganz einfach funktioniert: Den Pulli einfach ausziehen und nach oben werfen. Der Wind erfasste die Kleidungsstücke und trug sie ohne Mühe über die Läuferschar hinweg ins Nirwana.

Der ersten Laufabschnitt vom Start bis zum ersten Wendepunkt nach etwa 7 Kilometer, verlief quer zum Wind oder sogar mit dem Wind. Danach allerdings kam eine flache 10 Kilometer lange, fast gerade Strecke mit einem Gegenwind, wie ich ihn im Wettkampf noch nie erlebt habe. Brutal. Absperrgitter, die dem Wind fast keine Angriffsfläche bieten, wurden vom Wind umgerissen. Mülltonnen am Streckenrand sind umgefallen wie Pappkisten. Das Windschattenlaufen hatte leider auch nicht den Effekt, wie man ihn vom Fahrradfahren kennt. Zumindest nicht bei mir. Ich habe echt gekämpft. 100 Meter nachdem ich den westlichen Wendepunkt passiert hatte und bevor ich die letzten 3 Kilometer zum Schluss mit dem Wind laufen konnte, riss der Wind die Wendepunktmarkierung (eine kleine Litfaßsäule) um und der Streckenposte hatte alle Mühe, sie wieder einzufangen. Nicht über die Brücke zu laufen, war definitiv die richtige Entscheidung der Verantwortlichen.

Im Ziel angekommen lag ich dann trotzdem immer noch bei für mich passablen 1:41:46 h brutto und dann abends beim Blick ins Internet bei netto 1:39:49 h Chipzeit. Also noch unter 100 Minuten. Damit nur exakt 30 sec. langsamer als 2015 – trotz des starken Gegenwinds. Das zeigt, ich bin gut vorbereitet, die Saison kann kommen.

Der Sieger dieses Jahr war der Kenianer Erick Kiptanui, der nach 1:00:04 h über die Ziellinie ging. 12 Läufer konnten unter 61 Minuten finishen. Trotz der für mich unvorstellbaren Gesamtleistung (den letzten Kilometer ist der Sieger in 2:47 min. !! gelaufen), ist eine Siegerzeit von über einer Stunde für die Weltelite in Lissabon unüblich. Also auch diese Weltklasseläufer mussten dem Wind Tribut zollen. Trotz Lauf in einer zentimeterengen Vogelflugformation mit ständigem Führungswechsel. Die 21-jährige Siegerin Etagegn Woldu aus Äthiopien finishte in 1:11:27 h und entschuldigte sich im Ziel fast noch: „I expected to race under 68 min., but the strong wind didn’t allow it“.

 

Die Pointe: Am Montag, nach dem windigen Laufabenteuer, war das schönste Wetter. Nach einem entspannten Frühstück im Hotel konnten wir bei sehr angenehmen 16 Grad, Sonne, blauem Himmel mit ein paar Bilderbuchwolken, fast windstill, die im Moment mega angesagte Stadt Lissabon genießen. Es war herrlich.

 

P.S. Noch ein Nachtrag zum Schluss. (Nur) die Läuferelite startet nicht mit der großen Masse, sondern in Algés, einem separaten Startpunkt, der den Lauf über die Brücke umgeht. Die Brücke endet mit einer einen Kilometer langen Rampe mit leichtem Gefälle. Genau deshalb wäre ein neuer Weltrekord nicht gültig. Die Möglichkeit mit der Elite mitzulaufen hat jeder. Zwei kleine Bedingungen wären halt zu erfüllen: Eine HM Zeit von unter 1:05 h innerhalb der letzten 3 Jahre bei den Männern und unter 1:20 h bei den Frauen und ein Alter von unter 35 Jahren. Deshalb kommt das für mich nicht mehr in Frage. Smile

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Ergänzende Infos und viel mehr Fotos:
http://www.maratonaclubedeportugal.com/corrida/edp-lisbon-half-marathon